Kleiner Bruder! Das klingt komisch. Gerade wenn ich dich so ansehe. Deine Schultern sind so breit, du könntest mich locker darauf tragen. Na ja… wenn ich nicht so schwer wäre… und dein Rücken nicht so… ach ist ja auch egal. Ich schweife ab.
Nun, ich kann mich noch an die Minute erinnern, als Mutti und Papa mir mitteilten, dass ich bald ein Brüderchen oder Schwesterchen bekommen werde. Krass! Heftig! Alter! So viele Emotionen durchliefen mich gleichzeitig. Ich freute mich riesig, war gespannt, ab wann ich endlich mit einem Baby spielen kann. Wenn du mich fragst, finde ich deinen Namen ja toll. Die Alternative wäre „Fabian“ gewesen. Oder Martina. Wobei ich dann Fabian noch besser finde als Martina, wenn ich dich so ansehe.
Als es endlich so weit war, konnte
ich es kaum erwarten. Aber erst musste ich noch in die Schule. Es war ein
Dienstag.
Als ich das erste Mal im
Krankenhaus war, durfte ich dich noch nicht sehen. Es lief nicht alles glatt
und es hieß, dass du behandelt werden musst wie ein rohes Ei. Das traf mich wie
ein Schock. Ich ließ mir so wenig wie möglich anmerken. Schließlich war ich
doch jetzt ein großer Bruder. Ein paar Tränen liefen mir aber doch über meine
Wangen.
Du kannst dir nicht vorstellen, wie
glücklich ich war, als du endlich nach Hause durftest. So ohne Schläuche sahst
du nun so süß aus, wie es mir vorgestellt hatte.
Schon bald durfte ich dir auch die
Flasche geben.
Ich ging mit dir spazieren, spielte
mit dir, nahm dich mit zu meinen Freunden, brachte dich oft zur Kita und holte
dich ebenso oft dort ab. Wir haben so viel Zeit miteinander verbracht. Und
während die anderen anfingen, an ihren Mopeds zu schrauben ging ich mit dir auf
den Spielplatz.
Du wurdest größer und lerntest viel
dazu. Irgendwann war es soweit, dass du die Tür zu meinem Zimmer von selbst
öffnen konntest. Und da war sie: Die kleine große Welt der Dinge, die du nicht
anfassen durftest, weil es sonst kaputt gehen könnte. Tja nun, was kümmern
Verbote, wenn niemand in der Nähe ist? So zogst du an allen Kabeln, die du zu
fassen bekamst. Ich hatte gerade 3 CDs in meinem Regal. Und davon hast du eine
zerbrochen und eine andere zerkratzt. Wie du das geschafft hast, ist mir bis
heute ein Rätsel. Als ich nach Hause kam, sah ich, dass du offenbar jede Menge
Spaß hattest.
Es vergingen die Jahre. Ich zog aus
dem Haus. Der Kontakt zu dir wurde weniger. Bis heute finde ich das sehr
schade. Aber das ist der Lauf der Dinge. Und dass wir ganz schnell wieder
zueinander finden, haben wir gemerkt, als Mutti und du einen Zwist hattet, der
so tief ging, dass ihr nicht einmal mehr miteinander reden konntet. Wir sind
eben Brüder.
Heute stehe ich hier und lasse die
Vergangenheit ein wenig Revue passieren. Du bist nun verheiratet… kaum zu
glauben. Ich finde es ja immer noch faszinierend, dass du überhaupt schreiben
kannst!
Mir wurde einmal die Frage gestellt, ob deine Frau und du jemals andere Beziehungen gehabt haben. Ich antwortete: „Ich glaube nicht.“ Die Reaktion darauf war: „Oh! So lange schon?? Das muss ja die wahre Liebe sein oder wie das heißt.“
Ja, das stimmt.
Ich freue mich von Herzen, dass du
diese große, wahre Liebe nun deine Ehefrau nennen darfst.
Ich wünsche euch unendlich viel Glück, Gesundheit und Kinder, die so werden wie du eines warst.
Und eines noch: Wenn du jemals wieder Rotkäppchen vorgelesen bekommen möchtest, dann muss das nun deine Frau machen.