Der Strand in der Flasche

Hervorgehoben

Dein Onkel wird bald heiraten. Schon komisch. Ich kann mich noch gut erinnern, als ich ihm die Flasche gab. Jetzt geht er langsam auf die 30 zu und hat seine große Liebe seit Jahren gefunden.
Nachdem ich längere Zeit überlegt habe, was man ihm schenken kann, kam ich auf die Dinge, die noch zu hause habe: Deko-Sand, Muscheln, Steinchen. Ich werde ihm einen Strand basten. Und ein paar 5-Euro-Scheine sollen als Sonnenschirm oder Strandmuschel hübsch drapiert werden.
Das sieht nett aus und kostet nicht mehr als die Scheine, die verwendet werden.
Na ja, du weißt ja, dass wir immer sehr aufs Geld achten müssen.

Du hattest ja mal eine Flasche von uns bekommen, in der ein wenig Strand von der Ostsee ist. Außerdem haben wir ein Mini-Budelschiff dazu gepackt. Es war ein Geschenk an dich, weil du ja nicht mitkommen durftest. Die Chemotherapie hatte es nicht zugelassen.
Wir wollten dein Zimmer neu gestalten und die Flasche gut sichtbar platzieren.
Sie liegt im Schrank. Immernoch. Ich traue mich nicht, sie zu berühren. Es hängen so viele Selbstvorwürfe an der Erinnerung. Du wirst nie wieder sagen, dass es nicht so schlimm sei. Dein Trost war immer, dass du ja schließlich lebst. Ohne die Chemo wäre es nicht mehr so.

Irgendwo da draußen …

Worauf kann ich eigentlich als erstes hoffen? Darauf, dass ich mal einen Text an dich schreiben kann, ohne in Tränen auszubrechen? Oder drauf, dass ich damit leben kann, deine letzten Minuten nicht bei dir gewesen zu sein?

Ich sitze gerade im Büro und drücke meine Tränen weg. Mein Hals tut schon richtig weh. Ich kann nicht anders. Meine Worte müssen raus aus meinem Kopf, egal wo ich gerade bin oder was ich gerade tue.
Gleich rufe ich dann wieder Kunden zurück und bespreche mit ihnen ihren Beschwerdegrund – als wenn alles ganz normal wäre. Ich funktioniere irgendwie und hoffe, dass die Blutdrucktabletten gut wirken.

Ich sehe dich

„Es ist jetzt genau ein halbes Jahr her.“ „Ja, mein Kind. Ich weiß. Du wirst sehr vermisst.“ Nessaja kniff die Augen zusammen: “ Es ist, als sei es gestern gewesen, als ich noch mit Papa in der Küche stand und Essen gekocht habe. Wir hatten viel Spaß und ich durfte immer mal was naschen. Er freute sich so sehr, dass ich wieder Appetit hatte.“
„Schau einmal. Dir zu Ehren hat er heute dein Lieblingsessen gekocht.“ Oma zeigte auf einen Stein, der wie magisch den Blick in die Küche von Nessajas Vater zeigte.
„Cooool!“ „Du kannst jederzeit sehen, was deine Familie tut. Komm einfach hier her. Das ist dein eigener Familienstein. Du musst nicht sagen, was du sehen willst. Der Stein wird erkennen, wonach dir ist.“
„Ui!“ Nessaja freute sich über diese Möglichkeit.

Das Gesehene auf dem Stein änderte sich: „Oh, Papa. Du weinst. Könntest du mich doch hören. Es würde dir besser gehen.“ Nessaja sah ihren Vater am Computer sitzen. Er saß in seinem Büro und hätte eigentlich arbeiten müssen. Aber er schrieb einen Text über sie. Er konnte nicht anders. Tränen liefen über sein Gesicht.
Nessaja spürte, wie sehr er sie liebt.

„Weißt du noch, als ihr gemeinsam auf dem Campingplatz gewesen seid?“ Oma unterbrach die traurigen Minuten. „Ähm, nein. Ich war noch sehr jung damals.“ „Wollen wir uns gemeinsam anschauen, wie viel Spaß ihr zusammen hattet?“ Nessaja nickte. Sie war ihrer Oma sehr gerade sehr dankbar. So schauten beide sich nun die Erlebnisse an, welche in den vergangenen Sommern für viele schöne Momente gesorgt haben.

Ich bleibe an deiner Seite

Sie öffnete ihre Augen. Was ist geschehen? Um sie herum waren einige Menschen. Gleich neben ihr saß ein älteres Pärchen auf einer Bank. Die beiden lächelten sich an, wobei der alte Mann immer wieder die Hand seiner Frau streichelte.
Einige Meter weiter versuchte ein junger Mann auf einem Einrad verschiedene Kunststücke. Manchmal fiel er hin. Aber er stand immer wieder auf und versuchte es erneut. Das sah irgendwie lustig aus.

Geh mit mir ein Stück

„Da bist du ja!“ Eine alte Dame lächelte sie sanft an. Sie war nicht sehr groß und hatte weiße Locken. War das eine Dauerwelle? Ein dicker Bauch und eine Art Kittelschürze ragten etwas hervor. „Ich hatte dich so früh nicht erwartet. Nun, ich möchte mich …“ „Wo bin ich?“ Ängstlich schaute sie in die Runde. Alles war zwar sehr friedlich, aber eben doch so fremd. „Wer sind Sie? Warum bin ich hier? Und was habe ich eigentlich für komische Sachen an?“ „Du wirst auf alles eine Antwort bekommen. Darf ich dir einmal zeigen, was es hier alles so gibt? Wenn du weißt, wer diese Menschen sind, dann geht es dir sicher etwas besser und du kannst dich sicherer fühlen.“ Sie willigte ein.

Die beiden gingen ein Stück. Das Wetter war so herrlich. Einige Wolken zogen über ihre Köpfe hinweg. Sie sahen aus wie Tiere auf einem Bauernhof. „Sieh mal, dahinten. Das ist Familie Dornbusch. Rico heißt der Vater. Die Mutter heißt… Sabine. Nein, Sarah! Sarah, genau. Und das Mädchen heißt Amelie. Frag mich jetzt nicht, wie man das richtig ausspricht.“ Das Lächeln der alten Frau nahm ihr ein wenig die Angst. Sie fühlte sich auf eine Art sicher in ihrer Nähe. Beide gingen langsam weiter. „Dort auf der kleinen Mauer da. Das ist Herr Meyer. Ich glaube mit ‚Y‘ schreibt der sich. Er wirkt vielleicht ein wenig bedrückt. Er wartet nämlich auf seine Frau, musst du wissen. Sie soll heute oder morgen ankommen.“ “ Wo ist sie denn?“ „Sie liegt derzeit im Krankenhaus.“ „Kann er sie denn nicht abholen?“ „Nein, das ist ihm leider nicht möglich. Aber bald ist sie hier. Dann schaut er endlich nicht mehr so griesgrämig.“ Sie winkte ihm zu: „Liebe Grüße an Christa. Ich werde die Tage mal vorbeikommen.“

So gingen sie noch eine Zeit. Die alte Frau stellte ihr so viele Menschen vor. „Ich kann mir das niemals alles merken.“ „Das musst du nicht. Wir haben so viel Zeit.“ Sie schaute fragend in die Augen der alten Frau: „Wer sind Sie eigentlich? Kennen Sie mich? Ich habe Sie noch nie gesehen, glaube ich.“ Die Frau setzte sich auf eine Bank und deutete mit ihrer Hand auf den freien Platz neben sich. „Ja, ich kenne dich. Es sind schon einige Jahre jetzt. Du warst ein so süßes Baby.“ „Ich glaube, ich kann mich nicht an Sie erinnern.“ „Das kannst du nicht, mein Schatz. Ich bin ja auch schon 9 Jahre vor deiner Geburt gestorben. Dein Papa ist mein Enkelsohn. Ich bin deine Ur-Oma.“ Ihre Augen leuchteten auf: „Oma?“ Sie schluchtze. „Oma! Papa hat so viel von dir erzählt.“ „Ich weiß. Er bat mich am Tag deiner Verabschiedung, dass ich mich um dich kümmere. Das tue ich sehr gern. Komm, Nessaja! Hab keine Angst, ich bleibe nun für immer bei dir, wenn du das möchtest.“

„Was möchtest du gern tun?“ Auf diese Frage war Nessaja noch gar nicht vorbereitet. „Ich weiß nicht. Es ist gerade alles komisch.“ Ihre Großmama schaute lächelnd in ihre Richtung. „Ja, du warst noch sehr jung. Niemand hat daran geglaubt, dass du schon jetzt zu uns kommst. Vielleicht gehen wir einfach noch ein Weilchen herum? Wir haben alle Zeit der Welt.“ „Und wenn es dunkel wird?“ Nessaja mochte die Dunkelheit nicht besonders. Es wirkte dann alles so verlassen. „ Wenn es dunkel wird, muss es das nicht für dich werden. Du selbst kannst entscheiden, wie du die Welt siehst und was du für dich daraus machst. Und hast du nicht lang genug so viele Dinge einfach hinnehmen müssen? Jetzt entscheidest du endlich selbst!“ Das klang gut. So viele Monate musste Nessaja tun, was ihr gesagt wurde. Und das ging weit über die normalen Dinge hinaus, die Kinder tun müssen, weil die Eltern es so wollen. Wie oft hörte sie Beschwerden ihre Klassenfreunde, dass sie im Sommer nicht lang genug draußen bleiben durften. Sie selbst durfte wochenlang gar nicht an die frische Luft. Sie musste sogar im Bett bleiben – für Wochen! Da hätte sie sich noch so oft beschweren können.
„Man vergisst schnell, was wirklich wichtig ist, wenn man gesund ist und auch sonst kaum Sorgen hat.“ Nessaja nickte. „Ich weiß. Mir wären solche Dinge wahrscheinlich auch nicht eingefallen. Aber es war halt anders plötzlich anders. Ich mag gerade nicht daran denken. Über 2 Jahre musste ich so viele Dinge über mich ergehen lassen. Ich möchte gerade wirklich nicht daran denken. Ich vermisse meine Familie. Ich habe doch einen kleinen Bruder, weißt du? Er wird sich nicht an mich erinnern können, wenn er größer ist.“ „Ich kenn dich seit deiner Geburt und ich kenne deinen kleinen Bruder seit seiner Geburt, ebenso deine Schwester. So lange begleite ich schon die ganze Familie. Ich habe gesehen, wie aus einer Familie zwei wurden. Du wirst sehen, wie du in Ehren gehalten wirst. Dein Bruder wird viel von dir erzählt bekommen. Er wird Videos sehen und auch Bilder. Und dein Papa hat eine große Kiste gepackt mit Dingen, die deine sind. Diese wird er deinem Bruder geben, wenn er das passende Alter dafür hat. Und irgendwann siehst du jeden aus der Familie wieder. Versprochen!“ Nessaja wirkte nachdenklich. „Ich bin immer an deiner Seite, wenn du das möchtest. Du kannst mir jederzeit Fragen stellen. Hey, ich bin die Mama deiner Oma! Wir können auch einfach mal sitzen und kuscheln. Wir haben noch nie gekuschelt. Oder möchtest du etwas essen?“ „Geht das denn?“ Nessaja war unsicher. „Na klar geht das! Essen ist Genuss. Worauf hast du Lust?“ „Ich liebe ja Rippchen! Mit Knorpel – ganz viel.“ „Ja, das ist meine Enkeltochter!“ Nessaja strahlte. Sie liebte dieses Gericht. „Komm, wir gehen jetzt essen!“ So gingen beide in das Restaurant „Zum hungrigen Engel“. Dort gab es alles, was man sich nur vorstellen konnte.

Mein kleiner Bruder heiratet

Kleiner Bruder! Das klingt komisch. Gerade wenn ich dich so ansehe. Deine Schultern sind so breit, du könntest mich locker darauf tragen. Na ja… wenn ich nicht so schwer wäre… und dein Rücken nicht so… ach ist ja auch egal. Ich schweife ab.

Nun, ich kann mich noch an die Minute erinnern, als Mutti und Papa mir mitteilten, dass ich bald ein Brüderchen oder Schwesterchen bekommen werde. Krass! Heftig! Alter! So viele Emotionen durchliefen mich gleichzeitig. Ich freute mich riesig, war gespannt, ab wann ich endlich mit einem Baby spielen kann. Wenn du mich fragst, finde ich deinen Namen ja toll. Die Alternative wäre „Fabian“ gewesen. Oder Martina. Wobei ich dann Fabian noch besser finde als Martina, wenn ich dich so ansehe.

Als es endlich so weit war, konnte ich es kaum erwarten. Aber erst musste ich noch in die Schule. Es war ein Dienstag.

Als ich das erste Mal im Krankenhaus war, durfte ich dich noch nicht sehen. Es lief nicht alles glatt und es hieß, dass du behandelt werden musst wie ein rohes Ei. Das traf mich wie ein Schock. Ich ließ mir so wenig wie möglich anmerken. Schließlich war ich doch jetzt ein großer Bruder. Ein paar Tränen liefen mir aber doch über meine Wangen.

Du kannst dir nicht vorstellen, wie glücklich ich war, als du endlich nach Hause durftest. So ohne Schläuche sahst du nun so süß aus, wie es mir vorgestellt hatte.

Schon bald durfte ich dir auch die Flasche geben.

Ich ging mit dir spazieren, spielte mit dir, nahm dich mit zu meinen Freunden, brachte dich oft zur Kita und holte dich ebenso oft dort ab. Wir haben so viel Zeit miteinander verbracht. Und während die anderen anfingen, an ihren Mopeds zu schrauben ging ich mit dir auf den Spielplatz.

Du wurdest größer und lerntest viel dazu. Irgendwann war es soweit, dass du die Tür zu meinem Zimmer von selbst öffnen konntest. Und da war sie: Die kleine große Welt der Dinge, die du nicht anfassen durftest, weil es sonst kaputt gehen könnte. Tja nun, was kümmern Verbote, wenn niemand in der Nähe ist? So zogst du an allen Kabeln, die du zu fassen bekamst. Ich hatte gerade 3 CDs in meinem Regal. Und davon hast du eine zerbrochen und eine andere zerkratzt. Wie du das geschafft hast, ist mir bis heute ein Rätsel. Als ich nach Hause kam, sah ich, dass du offenbar jede Menge Spaß hattest.

Es vergingen die Jahre. Ich zog aus dem Haus. Der Kontakt zu dir wurde weniger. Bis heute finde ich das sehr schade. Aber das ist der Lauf der Dinge. Und dass wir ganz schnell wieder zueinander finden, haben wir gemerkt, als Mutti und du einen Zwist hattet, der so tief ging, dass ihr nicht einmal mehr miteinander reden konntet. Wir sind eben Brüder.

Heute stehe ich hier und lasse die Vergangenheit ein wenig Revue passieren. Du bist nun verheiratet… kaum zu glauben. Ich finde es ja immer noch faszinierend, dass du überhaupt schreiben kannst!

Mir wurde einmal die Frage gestellt, ob deine Frau und du jemals andere Beziehungen gehabt haben. Ich antwortete: „Ich glaube nicht.“ Die Reaktion darauf war: „Oh! So lange schon?? Das muss ja die wahre Liebe sein oder wie das heißt.“

Ja, das stimmt.

Ich freue mich von Herzen, dass du diese große, wahre Liebe nun deine Ehefrau nennen darfst.

Ich wünsche euch unendlich viel Glück, Gesundheit und Kinder, die so werden wie du eines warst.

Und eines noch: Wenn du jemals wieder Rotkäppchen vorgelesen bekommen möchtest, dann muss das nun deine Frau machen.

Der Spielplatz im Tierpark

Wir hatten dieses Wochenende mal wieder ein Auto. Natürlich haben wir das ausgenutzt und sind mal raus gefahren.

Du erinnerst dich an den Tierpark in Eberswalde? Wir waren dort – ich glaube im letzten Jahr – mal zu Besuch.
Du weißt ja, dass ich immer alles so schnell vergesse. Deshalb ist jeder Besuch für mich neu und spannend.

Ich freute mich über die schönen Gehege. Für einen Zoo sind diese überraschend groß und naturnah gestaltet, wenn man das so sagen kann.
Dein Bruder mag die Tiere. Er freut sich über jede Art, die er zu sehen bekommt.

Das Wetter ändert seinen Zustand. Wolken ziehen auf. Es stürmt. Na ja, ein Gewitter wurde bereits vorausgesagt. Schon donnert es. Ich spüre deine Angst. Du hast dich immer sehr vor Gewitter gefürchtet. Ein Blitz könne dich jederzeit treffen, war deine Befürchtung. Ich spüre, wie ich die Kontrolle über mich verliere. Es laufen Tränen über mein Gesicht. Der Regen kommt und verschleiert meine Schwäche.

Du wolltest hoch hinaus

Wir haben Hunger, der Imbiss ist nicht weit entfernt. Schnell laufen wir durch den Regen, um uns etwas bestellen zu können.
Ich bleibe stehen. Mitten im Regen bleibe ich stehen und starre zur Seite. Da ist dieser Spielplatz. Und genau in diesem Augenblick kommen die Erinnerungen. Wir waren hier zusammen. Du bist gleich losgelaufen und wolltest klettern. Ich sehe dich, wie du begeistert auf dem Spielgerät hinaufkletterst. Ich hole mein Smartphone aus der Tasche und fotografiere das Treiben. „Papa, kommst du auch mit rein?“ Du weißt, dass ich total gern mitklettere. Aber ich habe Rückenschmerzen. Heute werde ich nicht mitklettern.

Ich muss weinen. Und das ist tatsächlich so. Ich kann nicht anders – ich muss es tun. Mein Gesicht verzerrt sich. Niemals werde ich dich je wieder klettern sehen. Niemals mehr! Und ich bin mir sicher: Der Augenblick, in dem ich nicht mehr weinen muss, wenn ich an vergangene Tage mit dir denke, wird mein letzter sein. Erst wenn ich weiß, dass wir uns gleich wiedersehen, wird keine Träne meine Augen verlassen.

Es heißt, dass man sich an die schönen Momente erinnern soll. Man soll sich freuen über das was war.
Das tue ich. So viel fällt mir ein. Schöne Dinge. Der Gedanke, dass es das nicht mehr gibt, überwiegt aber. Er kommt schnell und trifft mich hart. Jedes verdammte Mal! Dann trauere ich. Ich weine, ich zweifele, ich habe Angst und ich habe Sehnsucht. Dein Fehlen hat ein Loch in mein Leben gerissen. Drum herum gibt es alles. Freude, Spaß, Rechnungen, Hunger, Müdigkeit, Musik, U-Bahn-Fahren …. alles! Kommt eines dieser Themen mit dem Loch in Berührung, wird es verschluckt. Und übrig bleibt nur wieder dieser Schmerz in der Brust. Das beklemmende Gefühl einer Situation, an der ich niemals etwas ändern kann, ergreift Besitz von mir. Manchmal sind es einige Minuten. Dieses Mal hält es seit Tagen an.

Es ist nicht nur ein Ort

Wir waren zu Ostern bei Oma und Opa. Na ja, das weißt du ja. So sehr hast du dich immer darauf gefreut.
Im letzten Jahr ging es dir ja nicht so gut. Aber du wolltest unbedingt mitfahren.
Dieses Jahr bist du nicht mitgekommen.

Dein kleiner Bruder bekam ein Dreirad geschenkt. Eines, das man lenken kann und mit Dach und einem kleinen Kofferraum am Heck. Du hättest deine helle Freude daran gehabt, ihn durch die Stadt zu schieben. Und er? Er hätte sich bestimmt noch mehr gefreut.

Wenn er dich auf Bilden sieht, dann nennt er dich beim Namen. „Aja!“ Noch immer erinnert er sich an dich. Das ist so schön und so traurig zugleich.

Auf dem Rückweg aus der alten Heimat haben wir deine Schwester gleich bei Mama abgesetzt. So musste sie ihren Koffer nicht extra schleppen. Dann ging es weiter zu meinen Schwiegereltern.

Ich dachte, ich fahre raus aus Berlin und durch ein paar Dörfer, damit ich nicht durch den Stadtverkehr muss. Im Grunde eine gute Idee. Als ich zufällig zur Seite sah, schnürte sich mir umgehend die Kehle zu. Ein Gefühl, was ich bisher noch nie hatte, machte sich in mir breit. Ich schnappte nach Luft und mein Blick verwässerte sich. Gerade jetzt fuhr ich an DEM Friedhof vorbei. Niemals hätte ich gedacht, dass ich so schnell und so stark die Kontrolle über meine Emotionen verliere. Ich dachte immer, ich sei gefestigt, stark und bedacht. So fuhr ich langsamer. Vielleicht hätte ich einfach rechts ran fahren sollen, denn ich wurde zu einem Risikofaktor im Verkehr. Aber ich wollte einfach nur weg, weit weg von diesem Ort!
Bitte verstehe mich richtig. Ich möchte immer in deiner Nähe sein. Aber ich fühle nur Schmerzen, wenn ich in die Nähe dieses Friedhofs komme. Dich habe ich in meinem Herzen. Du begleitest mich in jeder Sekunde meines Lebens. Eines Tages werde ich vielleicht lächeln können, wenn ich an dich denke. Noch aber übermannt mich immer wieder der Schmerz des ewigen Verlustes. Du wirst für ewig 14 Jahre alte bleiben. Vielleicht kann ich mich daran nie gewöhnen.

Heute wird kein schöner Tag

Heute ist Mittwoch. Eigentlich sollte mich das freuen. Es sind nur noch 2 Tage bis zum Wochenende, die Sonne scheint und kalt ist es auch nicht. Zudem bin ich bereits kurz vor meinem Wecker wach gewesen. Die gewonnen Minuten konnte ich in eine längere Duschzeit investieren. Das tat echt gut!

So ging ich dann los wie jeden Morgen.
Es dauert keine 2 Minuten und ich bin am Bahnhof. Viele Menschen stehen dort und warten auf ihren Bus. Ich muss durch diese Ansammlung hindurch, um meinen Weg in Richtung U-Bahn fortzusetzen.

Heute Morgen lief ich – eigentlich wie jeden Tag – durch den dichten Nebel, der von den unzähligen Zigaretten stammt, die zur selben Zeit geraucht werden.

Und dann fiel mir ein, wie sehr es dich bewegt hat, dass diese vielen Menschen ihr Leben so leichtfertig aufs Spiel setzen.
„Ich kämpfe hier jeden Tags ums Überleben, habe nur noch eine halbe Lunge und die qualmen hier. Denen ist wohl scheißegal, was passieren kann!“ Das waren deine Worte. Und natürlich hast du Recht.

Solche Situationen lassen mich dann den ganzen Tag nicht los. Immer wieder denke ich an deine Worte. Dann tut es wieder weh, dass du nicht mehr hier bist. Ich schleppe mich nun durch den Tag, wie immer, wenn du in meinem Kopf schwirrst und unterdrücke meine Tränen. Heute Abend werde ich das Ventil dann öffnen können.

Heute ist die Beisetzung genau einen Monat her.

Ich hab dich lieb!

Papa


Die bunte Stadt an der Elde?

Ich komme aus einer Kleinstadt in Mecklenburg. Sie liegt direkt an der Elde. Und oft hat herrscht dort mehr der dörfliche Charme als der städtische. Ich habe dort gern gelebt. Nach der Wende blühte der Ort auf. Ein neues Museum, die Straßen wurden mehr und mehr erneuert ( wobei der alte Look erhalten blieb), es siedelten sich diverse Supermärkte an und eine Siedlung für Eigenheime enstand.

Rehberger Brücke

Weggezogen bin ich dennoch.


Dafür gab es mehrere Gründe:
1. Als Familie benötigt man in erste Linie ein Einkommen, welches für all die Köpfe ausreicht, die unter einem Dach wohnen. Mit einem Auto kommt man aber nicht weit. Also ging es in die Großstadt. Dort benötigt man fast nie ein Auto.
2. Man sagte immer: „Wer in Grabow bleibt, ist entweder alt, hatte Glück oder ist dumm oder alles gleichzeitig. So würde ich es zwar nicht unterschreiben, aber…
Dumm… hm… Ich weiß, welche Menschen gemeint sind. Im Laufe der 90er Jahre gab es immer wieder ein paar Jugendliche, die meinten, dass Ausländer an allem Schuld sind (oder Schwache; oder schwache Ausländer). Im Grunde ging es denen nur um einen Weg, anderen Menschen die Verantwortung für ihr eigenes Versagen in die Schuhe zu schieben.

Heute sind die 90er Jahre mindestens 20 Jahre her. Und neulich las ich in einem Thread auf Facebook, dass ein (ehem.) Asylbewerber wie vom Affen gebissen durch die Stadt rast. Es grenzt offenbar an ein Wunder, dass noch nichts geschehen sei. Als Vater von 4 Kindern gehen auch bei mir die Alarmglocken an. Gerade in so einer kleinen Stadt wie Grabow herrscht wenig Verkehr. Die gesteigerte Aufmerksamkeit einer Großstadt wird dort nicht gelehrt. Wofür auch?
Doch schnell ging es gar nicht mehr um die gefährliche Fahrweise des Mannes. Plötzlich hieß es, dass „Merkels Goldstücke“ ja offenbar viel Geld hätten. Ein anderer bemerkte, dass er ja arbeiten müsse und im Gegensatz zu unserern „Gästen“ könne er es sich nicht leisten, den ganzen Tag mit dem BMW herum zu fahren.

So ging das immer weiter. Tiefer in die Diskussion schauend las ich noch was von „weiße Kappe und Vollbart“ und „auf die Fresse“ und so weiter.
Mittlerweile wurde der Thread vom Admin der Gruppe gelöscht. Eigentlich schade, denn ich hätter gern noch Screenshots gemacht.

Was mich nun treibt, ist die Idee einer Party gegen unsere neuen Nazis.
Ja, ich spreche es so aus, wie ich sie sehe. Es ist nämlich genau das, was uns schon einmal in die Hölle gebracht hat: Hass, Aggressivität, Ignoranz, Verachtung, fehlende Empathie und schlechte Bildung. Es genügt eigentlich schon, wenn nur 2 dieser Punkte kombiniert werden.

Zurück zur Party.
Ich wohne seit 2006 nicht mehr in Grabow. Aber eine Feier, die explizit dafür organisiert wird, um zu zeigen, wie offen, tolerant und zukunftsgewandt meine Heimatstadt ist, würde ich gern besuchen. Oder soll ich sie mitorganisieren? Gern!

Der Slogan „Die bunte Stadt an der Elde“ soll wieder neue Farben bekommen. Die hasssähenden Menschen dürfen einfach nicht lauter sein als die, die jedem Menschen die gleiche Chance geben.

Ob ich jemanden mag oder nicht, liegt weder an seiner Nationalität noch an seiner ausgeübten Religion. Es liegt am Menschen selbst.
Wer anderen Schlechtes wünscht, weil sie „nicht von hier“ sind, ist für mich ganz klar ein Arschloch. Und genau in dieser Deutlichkeit wünsche ich mir ein Fest.

Lasst Grabow bunt und ruft es laut heraus: Keine Chance den Rechten!

Wie geht es dir?

Mein liebes Kind!

Wie viel Zeit vergeht eigentlich, bis man merkt, dass man jemanden vernachlässigt? Eine ziemlich genaue Zeitangabe wäre: Einfach viel zu viel!

Es waren etwa 2,5 Jahre, in denen deine Schwester gegen einen Feind gekämpft hat, den sie nur besiegen konnte, in dem sie ihr eigenes Leben gibt.

Du hast dich oft zurückgezogen. Es war so schwierig, dich mal auf das Thema zu bringen. Ich hätte so gern gewusst, wie es in dir aussieht, was du denkst und fühlst. Ich wollte wissen, ob du Ängste hast und wie die sich zeigen.

Heute weiß ich, dass ich hätte harnäckiger sein müssen. Als alles begann, warst du gerade 14 Jahre alt. Wie sah es am Tag der Diagnose in dir aus? Wie ging es weiter? Ich habe so wenig mitbekommen. Auch hier war ich nicht stark genug, um durchzusetzen, dass du auch bei mir wohnst. Du hast dich eingeigelt, hast viel mit deinen Freundinnen unternommen oder dich auf Dinge gestürzt, die für die Schule wichtig sind.

Ja, du warst immer schon älter im Kopf als du eigentlich hättest sein müssen. Sehr schnell hast du die Rolle der großen Schwester übernommen. Mit 5 Jahren hast du versucht, Nessaja zu befreien als sie sich zwischen dem Hochbett und der Wand eingeklemmt hat. Andere Kinder schreien, weinen oder lachen sogar noch. Ich habe dich immer bewundert. Und das tue ich heute noch! Du hast so oft den richtigen Instinkt, erhebst deine Stimme gegen Falschbehauptungen und setzt sich dafür ein, dass alles wieder so wird, wie es sein soll.

Du hast mal gesagt, dass deine Schwester und du so unterschiedlich seid, wie es Geschwister nur sein können. Im Grunde hast du Recht. Eure Interessen waren immer andere. Und während du ein pflegeleichtes Kind warst, hatte Nessaja schnell ihren eigenen kleinen Dickkopf.
In einer Sache aber seid ihr euch immer ähnlich gewesen: Euer Sinn für Gerechtigkeit. Ich war immer mega stolz auf diesen großartigen Charakterzug.

Nun ist Nessaja nicht mehr da. Du wohnst jetzt allein bei Mama und ihrem Freund. Sag mir, was geht in dir vor? Wie lebt es sich nun? Ich stelle mir vor, dass es für dich die Hölle sein muss, neben dem Zimmer zu wohnen, in dem Nessaja noch bis Anfang des letzten Monats lebte.

Du weißt, dass du jederzeit zu mir kommen kannst. Ich wünsche es mir so sehr, dass du dich mir einmal öffnest. Ich hab dich genauso lieb, wie es bei deiner Schwester der Fall war und ist.

Mein Wort zum Wochenende

Mal so abseits der großen Themen… Wie war dein Tag? Da ist dieser Typ an der Haltestelle, der in der Frühe schon stinkt, als hätte er sich in tot gefahrenen Tieren gewälzt. Und dann steigt er in den selben Bus, jeden verdammten Morgen! Kennst du das?
Das Pendant dazu ist dann die mobile Version von Douglas. Im Prinzip ist es ja die eigene Schuld, wenn man sich nach 3 Tagen bereits eine neue 200 ml Flasche Chanel kaufen muss. Aber muss man damit andere Nerven foppen? Wie kann man nur so sado sein? Meine Nasenschleimhäute sind dann immer so in Party-Laune, dass ich mich fühle, als hätte ich mir das Zeug selbst durch meinen Zinken gezogen.

Der Tag zieht sich… Nachdem im Büro das Internet weg war, weil wohl eine Taube durch die Lüftungsschlitze des Serverraumes gekackt hat, hatte ich dann auch keine Lust mehr auf billige Onlinespiele. Hunger!

Aus Protest legte ich mir eine extra Portion Geflügel auf meinen Teller. Ja, ich weiß, wie man Flagge zeigt. Verdammte Taube!
Fresskoma!

Es folgt ein Meeting mit Herrn Dr. V. Alium und Frau Prof. Dr. S. Chnepfe. Die sollen wohl irgendwas optimieren. Die Muttergesellschaft verlangt ein zweistelliges Ergebnis vor dem Komma. Mh, wenn ich meine beiden Mittelfinger gleichzeitig hebe, sieht das aus, wie ne Elf. Ist zweistellig… Ich beschließe, mich dezent aus allem raus zu halten und versuche, meine Müdigkeit auszuschwitzen. Zum Glück ist Feierabend! Ich will nach Hause.

Berlin wäre nicht Berlin, wenn mir nicht ein großer Haufen Scheiße mitten auf dem Gehweg liegen würde. Eben noch in den schönsten Tagträumen, wie geil das Leben sein könnte, versenke ich meine neuen Schuhe in die Hinterlassenschaften der doch besten Freunde des Menschen. Jackpot! Das Zeug hält echt gut in meinen Dockers. Qualität zahlt sich eben aus! Ich entschließe mich, spontan noch einen Abstecher bei Douglas zu machen.Hoffentlich treffe ich im Bus auf den Typen, der sich mit dieser moderigen Fäule einbalsamiert hat. Dem trete ich dann aus Versehen auf seine Wildleder-Stiefeletten. Ein bisschen frische Luft tut dem sicher gut.