Wie geht es dir?

Mein liebes Kind!

Wie viel Zeit vergeht eigentlich, bis man merkt, dass man jemanden vernachlässigt? Eine ziemlich genaue Zeitangabe wäre: Einfach viel zu viel!

Es waren etwa 2,5 Jahre, in denen deine Schwester gegen einen Feind gekämpft hat, den sie nur besiegen konnte, in dem sie ihr eigenes Leben gibt.

Du hast dich oft zurückgezogen. Es war so schwierig, dich mal auf das Thema zu bringen. Ich hätte so gern gewusst, wie es in dir aussieht, was du denkst und fühlst. Ich wollte wissen, ob du Ängste hast und wie die sich zeigen.

Heute weiß ich, dass ich hätte harnäckiger sein müssen. Als alles begann, warst du gerade 14 Jahre alt. Wie sah es am Tag der Diagnose in dir aus? Wie ging es weiter? Ich habe so wenig mitbekommen. Auch hier war ich nicht stark genug, um durchzusetzen, dass du auch bei mir wohnst. Du hast dich eingeigelt, hast viel mit deinen Freundinnen unternommen oder dich auf Dinge gestürzt, die für die Schule wichtig sind.

Ja, du warst immer schon älter im Kopf als du eigentlich hättest sein müssen. Sehr schnell hast du die Rolle der großen Schwester übernommen. Mit 5 Jahren hast du versucht, Nessaja zu befreien als sie sich zwischen dem Hochbett und der Wand eingeklemmt hat. Andere Kinder schreien, weinen oder lachen sogar noch. Ich habe dich immer bewundert. Und das tue ich heute noch! Du hast so oft den richtigen Instinkt, erhebst deine Stimme gegen Falschbehauptungen und setzt sich dafür ein, dass alles wieder so wird, wie es sein soll.

Du hast mal gesagt, dass deine Schwester und du so unterschiedlich seid, wie es Geschwister nur sein können. Im Grunde hast du Recht. Eure Interessen waren immer andere. Und während du ein pflegeleichtes Kind warst, hatte Nessaja schnell ihren eigenen kleinen Dickkopf.
In einer Sache aber seid ihr euch immer ähnlich gewesen: Euer Sinn für Gerechtigkeit. Ich war immer mega stolz auf diesen großartigen Charakterzug.

Nun ist Nessaja nicht mehr da. Du wohnst jetzt allein bei Mama und ihrem Freund. Sag mir, was geht in dir vor? Wie lebt es sich nun? Ich stelle mir vor, dass es für dich die Hölle sein muss, neben dem Zimmer zu wohnen, in dem Nessaja noch bis Anfang des letzten Monats lebte.

Du weißt, dass du jederzeit zu mir kommen kannst. Ich wünsche es mir so sehr, dass du dich mir einmal öffnest. Ich hab dich genauso lieb, wie es bei deiner Schwester der Fall war und ist.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s