Dein Onkel wird bald heiraten. Schon komisch. Ich kann mich noch gut erinnern, als ich ihm die Flasche gab. Jetzt geht er langsam auf die 30 zu und hat seine große Liebe seit Jahren gefunden. Nachdem ich längere Zeit überlegt habe, was man ihm schenken kann, kam ich auf die Dinge, die noch zu hause habe: Deko-Sand, Muscheln, Steinchen. Ich werde ihm einen Strand basten. Und ein paar 5-Euro-Scheine sollen als Sonnenschirm oder Strandmuschel hübsch drapiert werden. Das sieht nett aus und kostet nicht mehr als die Scheine, die verwendet werden. Na ja, du weißt ja, dass wir immer sehr aufs Geld achten müssen.
Du hattest ja mal eine Flasche von uns bekommen, in der ein wenig Strand von der Ostsee ist. Außerdem haben wir ein Mini-Budelschiff dazu gepackt. Es war ein Geschenk an dich, weil du ja nicht mitkommen durftest. Die Chemotherapie hatte es nicht zugelassen. Wir wollten dein Zimmer neu gestalten und die Flasche gut sichtbar platzieren. Sie liegt im Schrank. Immernoch. Ich traue mich nicht, sie zu berühren. Es hängen so viele Selbstvorwürfe an der Erinnerung. Du wirst nie wieder sagen, dass es nicht so schlimm sei. Dein Trost war immer, dass du ja schließlich lebst. Ohne die Chemo wäre es nicht mehr so.
Irgendwo da draußen …
Worauf kann ich eigentlich als erstes hoffen? Darauf, dass ich mal einen Text an dich schreiben kann, ohne in Tränen auszubrechen? Oder drauf, dass ich damit leben kann, deine letzten Minuten nicht bei dir gewesen zu sein?
Ich sitze gerade im Büro und drücke meine Tränen weg. Mein Hals tut schon richtig weh. Ich kann nicht anders. Meine Worte müssen raus aus meinem Kopf, egal wo ich gerade bin oder was ich gerade tue. Gleich rufe ich dann wieder Kunden zurück und bespreche mit ihnen ihren Beschwerdegrund – als wenn alles ganz normal wäre. Ich funktioniere irgendwie und hoffe, dass die Blutdrucktabletten gut wirken.
Heute ist Mittwoch. Eigentlich sollte mich das freuen. Es sind nur noch 2 Tage bis zum Wochenende, die Sonne scheint und kalt ist es auch nicht. Zudem bin ich bereits kurz vor meinem Wecker wach gewesen. Die gewonnen Minuten konnte ich in eine längere Duschzeit investieren. Das tat echt gut!
So ging ich dann los wie jeden Morgen. Es dauert keine 2 Minuten und ich bin am Bahnhof. Viele Menschen stehen dort und warten auf ihren Bus. Ich muss durch diese Ansammlung hindurch, um meinen Weg in Richtung U-Bahn fortzusetzen.
Heute Morgen lief ich – eigentlich wie jeden Tag – durch den dichten Nebel, der von den unzähligen Zigaretten stammt, die zur selben Zeit geraucht werden.
Und dann fiel mir ein, wie sehr es dich bewegt hat, dass diese vielen Menschen ihr Leben so leichtfertig aufs Spiel setzen.
„Ich kämpfe hier jeden Tags ums Überleben, habe nur noch eine halbe Lunge und die qualmen hier. Denen ist wohl scheißegal, was passieren kann!“ Das waren deine Worte. Und natürlich hast du Recht.
Solche Situationen lassen mich dann den ganzen Tag nicht los. Immer wieder denke ich an deine Worte. Dann tut es wieder weh, dass du nicht mehr hier bist. Ich schleppe mich nun durch den Tag, wie immer, wenn du in meinem Kopf schwirrst und unterdrücke meine Tränen. Heute Abend werde ich das Ventil dann öffnen können.
Wie viel Zeit vergeht eigentlich, bis man merkt, dass man jemanden vernachlässigt? Eine ziemlich genaue Zeitangabe wäre: Einfach viel zu viel!
Es waren etwa 2,5 Jahre, in denen deine Schwester gegen einen Feind gekämpft hat, den sie nur besiegen konnte, in dem sie ihr eigenes Leben gibt.
Du hast dich oft zurückgezogen. Es war so schwierig, dich mal auf das Thema zu bringen. Ich hätte so gern gewusst, wie es in dir aussieht, was du denkst und fühlst. Ich wollte wissen, ob du Ängste hast und wie die sich zeigen.
Heute weiß ich, dass ich hätte harnäckiger sein müssen. Als alles begann, warst du gerade 14 Jahre alt. Wie sah es am Tag der Diagnose in dir aus? Wie ging es weiter? Ich habe so wenig mitbekommen. Auch hier war ich nicht stark genug, um durchzusetzen, dass du auch bei mir wohnst. Du hast dich eingeigelt, hast viel mit deinen Freundinnen unternommen oder dich auf Dinge gestürzt, die für die Schule wichtig sind.
Ja, du warst immer schon älter im Kopf als du eigentlich hättest sein müssen. Sehr schnell hast du die Rolle der großen Schwester übernommen. Mit 5 Jahren hast du versucht, Nessaja zu befreien als sie sich zwischen dem Hochbett und der Wand eingeklemmt hat. Andere Kinder schreien, weinen oder lachen sogar noch. Ich habe dich immer bewundert. Und das tue ich heute noch! Du hast so oft den richtigen Instinkt, erhebst deine Stimme gegen Falschbehauptungen und setzt sich dafür ein, dass alles wieder so wird, wie es sein soll.
Du hast mal gesagt, dass deine Schwester und du so unterschiedlich seid, wie es Geschwister nur sein können. Im Grunde hast du Recht. Eure Interessen waren immer andere. Und während du ein pflegeleichtes Kind warst, hatte Nessaja schnell ihren eigenen kleinen Dickkopf. In einer Sache aber seid ihr euch immer ähnlich gewesen: Euer Sinn für Gerechtigkeit. Ich war immer mega stolz auf diesen großartigen Charakterzug.
Nun ist Nessaja nicht mehr da. Du wohnst jetzt allein bei Mama und ihrem Freund. Sag mir, was geht in dir vor? Wie lebt es sich nun? Ich stelle mir vor, dass es für dich die Hölle sein muss, neben dem Zimmer zu wohnen, in dem Nessaja noch bis Anfang des letzten Monats lebte.
Du weißt, dass du jederzeit zu mir kommen kannst. Ich wünsche es mir so sehr, dass du dich mir einmal öffnest. Ich hab dich genauso lieb, wie es bei deiner Schwester der Fall war und ist.
Mal so abseits der großen Themen… Wie war dein Tag? Da ist dieser Typ an der Haltestelle, der in der Frühe schon stinkt, als hätte er sich in tot gefahrenen Tieren gewälzt. Und dann steigt er in den selben Bus, jeden verdammten Morgen! Kennst du das? Das Pendant dazu ist dann die mobile Version von Douglas. Im Prinzip ist es ja die eigene Schuld, wenn man sich nach 3 Tagen bereits eine neue 200 ml Flasche Chanel kaufen muss. Aber muss man damit andere Nerven foppen? Wie kann man nur so sado sein? Meine Nasenschleimhäute sind dann immer so in Party-Laune, dass ich mich fühle, als hätte ich mir das Zeug selbst durch meinen Zinken gezogen.
Der Tag zieht sich… Nachdem im Büro das Internet weg war, weil wohl eine Taube durch die Lüftungsschlitze des Serverraumes gekackt hat, hatte ich dann auch keine Lust mehr auf billige Onlinespiele. Hunger!
Aus Protest legte ich mir eine extra Portion Geflügel auf meinen Teller. Ja, ich weiß, wie man Flagge zeigt. Verdammte Taube! Fresskoma!
Es folgt ein Meeting mit Herrn Dr. V. Alium und Frau Prof. Dr. S. Chnepfe. Die sollen wohl irgendwas optimieren. Die Muttergesellschaft verlangt ein zweistelliges Ergebnis vor dem Komma. Mh, wenn ich meine beiden Mittelfinger gleichzeitig hebe, sieht das aus, wie ne Elf. Ist zweistellig… Ich beschließe, mich dezent aus allem raus zu halten und versuche, meine Müdigkeit auszuschwitzen. Zum Glück ist Feierabend! Ich will nach Hause.
Berlin wäre nicht Berlin, wenn mir nicht ein großer Haufen Scheiße mitten auf dem Gehweg liegen würde. Eben noch in den schönsten Tagträumen, wie geil das Leben sein könnte, versenke ich meine neuen Schuhe in die Hinterlassenschaften der doch besten Freunde des Menschen. Jackpot! Das Zeug hält echt gut in meinen Dockers. Qualität zahlt sich eben aus! Ich entschließe mich, spontan noch einen Abstecher bei Douglas zu machen.Hoffentlich treffe ich im Bus auf den Typen, der sich mit dieser moderigen Fäule einbalsamiert hat. Dem trete ich dann aus Versehen auf seine Wildleder-Stiefeletten. Ein bisschen frische Luft tut dem sicher gut.
Ist er das wirklich? Lass mich kurz nachdenken: Der Tag hat 24 Stunden. Nehmen wir an, du bist täglich etwa 30 Minuten unterwegs, um an deiner Arbeitsstelle anzukommen (und abends dann zurück). Schon sind es nur noch 23 Stunden. Einkaufen musst du auch noch. Natürlich erledigst du das in deiner Freizeit. Stau im Verkehr und an der Kasse lassen den Einkauf etwa eine Stunde am Tag in Anspruch nehmen. Bleiben ja noch immer 22 Stunden übrig. Dein Arbeitstag beträgt täglich 8 Stunden. Eine Pause sei dir gegönnt. Setzen wir hier mal eine Stunde an. So bist du bereits 9 Stunden an und um deinen Arbeitsplatz. Der Tag hat jetzt nur noch 13 Stunden. Als fleißiger Mitarbeiter bist du selbstverständlich bereit, auch mal länger zu bleiben. Der Krankenstand ist hoch, die Arbeit wird nicht weniger. Zack! Wieder im Schnitt eine Stunde weg. Jetzt ist dein Tag nur noch 12 Stunden lang. Was nun? Fitness? Elternabend? Steuererklärung? Termin beim Zahnarzt? Bleiben noch 10 Stunden. Davon schläfst du, wenn dir dein gesundes Leben etwas bedeutet, etwa 7 Stunden.
Nun ist dein Tag auf drei Stunden geschrumpft. Das Essen wurde noch nicht gekocht, die Wohnung sieht aus wie Sau und dein Kind braucht deine Hilfe bei den Hausaufgaben. Da fällt dir der Satz deines Bosses ein: „Genießen Sie Ihren Feierabend! Aber nicht zu viel!“
Hey mein Sohn! Mein Sohn… wie das klingt. Bisher hatte ich ja ausschließlich Mädchen daheim. Und wenn mal die Fetzen flogen, dann genügte ein: „ Boah, Mädels! Es reicht langsam!“ So war dann gleich jede der XX-Fraktion angesprochen. Nicht, dass dann Ruhe ist. Nein, ich wollte damit lediglich betonen, wie einfach es ist, zu Hause alle gleichzeitig anzusprechen. „MÄDELS! ESSEN!“ So gefällt mir das.
Nun wird es anders, jedenfalls nehme ich das an. Na ja, deine älteste Schwester wird bald 16 Jahre alt. In Zukunft wird sie wohl nur noch zu Besuch da sein. Und selbst die bisher jüngste in unserem Verbund ist schon gute 11 Jahre älter als du. Ich bin ja quasi ein alter Hase, was Kinder betrifft. Abe glaub mir, ich bin trotzdem total aufgeregt. Es gibt so viele neue Fehler, die man machen kann. Einige davon vielleicht sogar doppelt und dreifach.
Was erwartet dich in deinem Leben? Zu aller erst ein Vorname. Dieser ist ganz und gar nicht einfach zu finden. Wir gingen ziemlich lange davon aus, dass du ein Mädchen wirst. Als wir erfuhren, dass du ein Junge bist, waren wir uns schnell einig, dass „Paulina“ nun vielleicht nicht mehr ganz passend ist. Oder doch? Entscheide selbst!
Während in meiner Kindheit die Erziehung noch vom halben Land übernommen wurde, hat es sich in den letzten Jahren durchgesetzt, dass diese Aufgabe ganz und gar den Eltern obliegt. Meine Meinung dazu? Ich mag das. Denn weißt du, ich kann dir ganz toll beibringen, freundlich und höflich zu sein, deine Meinung frei zu äußern, Hilfsbereitschaft zu zeigen und natürlich zu Kochen. Dazu benötigt man keine garstige Nachbarsoma, keine gelangweilte Lehrkraft, keinen Spießer im Supermarkt oder irgendwelche Übereltern. Diese spezielle Gattung von Erziehungsberechtigten ist ja eh schon ganz besonders bemerkenswert. „Mein Kind schläft ja schon durch, seid dem es 14 Tage alt war. Und trocken war es auch schon mit 2. Nicht wahr, Torben? Und nun bist du schon ein Schulkind! Trink jetzt mal bitte deine Milch, die Mama hat extra abgepumpt.“ Und dann haben wir noch die andere Seite der Gesellschaft, die immer gern, wenn auch meist hinter vorgehaltener Hand fordert, dass die Kindererziehung mehr in staatliche Verantwortung gehört. Wohl frei nach dem Motto: Der Staat zahlt für die Kinder, also kann er sie auch erziehen. Nicht selten rufen sie nach Zucht und Ordnung. Natürlich „hat es das alles früher nicht gegeben!“ Was? Was auch immer! Ich schreibe wirres Zeug…
Ach mein Kleiner, du bist noch gar nicht auf der Welt und ich hab dich schon mega doll lieb! Weißt du, ich werde ja über 37 Jahre älter sein als du. Ziemlich derbe, oder? Na vielleicht gehe ich noch als lustiger Opa durch. Oder doch nicht? Nein! Du wirst dich nicht für deinen Vater schämen. Warum auch? Ich werde dich lehren, dass Respekt vor jedem Menschen ein hohes Gut ist. Es ist egal, ob es deine Eltern sind, denen du gegenüberstehst, entfernte Verwandte, deine Schulklasse oder völlig fremde Personen. Dein erster Gedanke wird immer sein: Alle Menschen sind gleich. Alle kochen mit Wasser. Alle müssen aufs Klo. Alle haben dieselben Grundrechte. Im Prinzip ist dies ein optimales Lebensmotto: Tue immer, wonach dir ist! Tue es bei vollem Bewusstsein und aus tiefstem Herzen. Tue es gleich. Tue aber dabei nie jemandem ein Leid an!
Verdammt! Eigentlich wollte ich heute mal nicht sentimental werden und so sülzig vor mich hin sinnieren. Tja, nun ist es passiert. Das hab ich öfter. Probier es später auch mal aus: 1. Kopfhörer aufsetzen 2. Lieblingsmusik anschalten 3.Sich von der Muse küssen lassen (aber erzähl der Mama nüsch davon!)
Das hat was! Und jetzt würd ich gern noch mit dir knuddeln. Aber deine Mama schläft schon.Wir sehen uns bald!