Ich bleibe an deiner Seite

Sie öffnete ihre Augen. Was ist geschehen? Um sie herum waren einige Menschen. Gleich neben ihr saß ein älteres Pärchen auf einer Bank. Die beiden lächelten sich an, wobei der alte Mann immer wieder die Hand seiner Frau streichelte.
Einige Meter weiter versuchte ein junger Mann auf einem Einrad verschiedene Kunststücke. Manchmal fiel er hin. Aber er stand immer wieder auf und versuchte es erneut. Das sah irgendwie lustig aus.

Geh mit mir ein Stück

„Da bist du ja!“ Eine alte Dame lächelte sie sanft an. Sie war nicht sehr groß und hatte weiße Locken. War das eine Dauerwelle? Ein dicker Bauch und eine Art Kittelschürze ragten etwas hervor. „Ich hatte dich so früh nicht erwartet. Nun, ich möchte mich …“ „Wo bin ich?“ Ängstlich schaute sie in die Runde. Alles war zwar sehr friedlich, aber eben doch so fremd. „Wer sind Sie? Warum bin ich hier? Und was habe ich eigentlich für komische Sachen an?“ „Du wirst auf alles eine Antwort bekommen. Darf ich dir einmal zeigen, was es hier alles so gibt? Wenn du weißt, wer diese Menschen sind, dann geht es dir sicher etwas besser und du kannst dich sicherer fühlen.“ Sie willigte ein.

Die beiden gingen ein Stück. Das Wetter war so herrlich. Einige Wolken zogen über ihre Köpfe hinweg. Sie sahen aus wie Tiere auf einem Bauernhof. „Sieh mal, dahinten. Das ist Familie Dornbusch. Rico heißt der Vater. Die Mutter heißt… Sabine. Nein, Sarah! Sarah, genau. Und das Mädchen heißt Amelie. Frag mich jetzt nicht, wie man das richtig ausspricht.“ Das Lächeln der alten Frau nahm ihr ein wenig die Angst. Sie fühlte sich auf eine Art sicher in ihrer Nähe. Beide gingen langsam weiter. „Dort auf der kleinen Mauer da. Das ist Herr Meyer. Ich glaube mit ‚Y‘ schreibt der sich. Er wirkt vielleicht ein wenig bedrückt. Er wartet nämlich auf seine Frau, musst du wissen. Sie soll heute oder morgen ankommen.“ “ Wo ist sie denn?“ „Sie liegt derzeit im Krankenhaus.“ „Kann er sie denn nicht abholen?“ „Nein, das ist ihm leider nicht möglich. Aber bald ist sie hier. Dann schaut er endlich nicht mehr so griesgrämig.“ Sie winkte ihm zu: „Liebe Grüße an Christa. Ich werde die Tage mal vorbeikommen.“

So gingen sie noch eine Zeit. Die alte Frau stellte ihr so viele Menschen vor. „Ich kann mir das niemals alles merken.“ „Das musst du nicht. Wir haben so viel Zeit.“ Sie schaute fragend in die Augen der alten Frau: „Wer sind Sie eigentlich? Kennen Sie mich? Ich habe Sie noch nie gesehen, glaube ich.“ Die Frau setzte sich auf eine Bank und deutete mit ihrer Hand auf den freien Platz neben sich. „Ja, ich kenne dich. Es sind schon einige Jahre jetzt. Du warst ein so süßes Baby.“ „Ich glaube, ich kann mich nicht an Sie erinnern.“ „Das kannst du nicht, mein Schatz. Ich bin ja auch schon 9 Jahre vor deiner Geburt gestorben. Dein Papa ist mein Enkelsohn. Ich bin deine Ur-Oma.“ Ihre Augen leuchteten auf: „Oma?“ Sie schluchtze. „Oma! Papa hat so viel von dir erzählt.“ „Ich weiß. Er bat mich am Tag deiner Verabschiedung, dass ich mich um dich kümmere. Das tue ich sehr gern. Komm, Nessaja! Hab keine Angst, ich bleibe nun für immer bei dir, wenn du das möchtest.“

„Was möchtest du gern tun?“ Auf diese Frage war Nessaja noch gar nicht vorbereitet. „Ich weiß nicht. Es ist gerade alles komisch.“ Ihre Großmama schaute lächelnd in ihre Richtung. „Ja, du warst noch sehr jung. Niemand hat daran geglaubt, dass du schon jetzt zu uns kommst. Vielleicht gehen wir einfach noch ein Weilchen herum? Wir haben alle Zeit der Welt.“ „Und wenn es dunkel wird?“ Nessaja mochte die Dunkelheit nicht besonders. Es wirkte dann alles so verlassen. „ Wenn es dunkel wird, muss es das nicht für dich werden. Du selbst kannst entscheiden, wie du die Welt siehst und was du für dich daraus machst. Und hast du nicht lang genug so viele Dinge einfach hinnehmen müssen? Jetzt entscheidest du endlich selbst!“ Das klang gut. So viele Monate musste Nessaja tun, was ihr gesagt wurde. Und das ging weit über die normalen Dinge hinaus, die Kinder tun müssen, weil die Eltern es so wollen. Wie oft hörte sie Beschwerden ihre Klassenfreunde, dass sie im Sommer nicht lang genug draußen bleiben durften. Sie selbst durfte wochenlang gar nicht an die frische Luft. Sie musste sogar im Bett bleiben – für Wochen! Da hätte sie sich noch so oft beschweren können.
„Man vergisst schnell, was wirklich wichtig ist, wenn man gesund ist und auch sonst kaum Sorgen hat.“ Nessaja nickte. „Ich weiß. Mir wären solche Dinge wahrscheinlich auch nicht eingefallen. Aber es war halt anders plötzlich anders. Ich mag gerade nicht daran denken. Über 2 Jahre musste ich so viele Dinge über mich ergehen lassen. Ich möchte gerade wirklich nicht daran denken. Ich vermisse meine Familie. Ich habe doch einen kleinen Bruder, weißt du? Er wird sich nicht an mich erinnern können, wenn er größer ist.“ „Ich kenn dich seit deiner Geburt und ich kenne deinen kleinen Bruder seit seiner Geburt, ebenso deine Schwester. So lange begleite ich schon die ganze Familie. Ich habe gesehen, wie aus einer Familie zwei wurden. Du wirst sehen, wie du in Ehren gehalten wirst. Dein Bruder wird viel von dir erzählt bekommen. Er wird Videos sehen und auch Bilder. Und dein Papa hat eine große Kiste gepackt mit Dingen, die deine sind. Diese wird er deinem Bruder geben, wenn er das passende Alter dafür hat. Und irgendwann siehst du jeden aus der Familie wieder. Versprochen!“ Nessaja wirkte nachdenklich. „Ich bin immer an deiner Seite, wenn du das möchtest. Du kannst mir jederzeit Fragen stellen. Hey, ich bin die Mama deiner Oma! Wir können auch einfach mal sitzen und kuscheln. Wir haben noch nie gekuschelt. Oder möchtest du etwas essen?“ „Geht das denn?“ Nessaja war unsicher. „Na klar geht das! Essen ist Genuss. Worauf hast du Lust?“ „Ich liebe ja Rippchen! Mit Knorpel – ganz viel.“ „Ja, das ist meine Enkeltochter!“ Nessaja strahlte. Sie liebte dieses Gericht. „Komm, wir gehen jetzt essen!“ So gingen beide in das Restaurant „Zum hungrigen Engel“. Dort gab es alles, was man sich nur vorstellen konnte.

Es ist nicht nur ein Ort

Wir waren zu Ostern bei Oma und Opa. Na ja, das weißt du ja. So sehr hast du dich immer darauf gefreut.
Im letzten Jahr ging es dir ja nicht so gut. Aber du wolltest unbedingt mitfahren.
Dieses Jahr bist du nicht mitgekommen.

Dein kleiner Bruder bekam ein Dreirad geschenkt. Eines, das man lenken kann und mit Dach und einem kleinen Kofferraum am Heck. Du hättest deine helle Freude daran gehabt, ihn durch die Stadt zu schieben. Und er? Er hätte sich bestimmt noch mehr gefreut.

Wenn er dich auf Bilden sieht, dann nennt er dich beim Namen. „Aja!“ Noch immer erinnert er sich an dich. Das ist so schön und so traurig zugleich.

Auf dem Rückweg aus der alten Heimat haben wir deine Schwester gleich bei Mama abgesetzt. So musste sie ihren Koffer nicht extra schleppen. Dann ging es weiter zu meinen Schwiegereltern.

Ich dachte, ich fahre raus aus Berlin und durch ein paar Dörfer, damit ich nicht durch den Stadtverkehr muss. Im Grunde eine gute Idee. Als ich zufällig zur Seite sah, schnürte sich mir umgehend die Kehle zu. Ein Gefühl, was ich bisher noch nie hatte, machte sich in mir breit. Ich schnappte nach Luft und mein Blick verwässerte sich. Gerade jetzt fuhr ich an DEM Friedhof vorbei. Niemals hätte ich gedacht, dass ich so schnell und so stark die Kontrolle über meine Emotionen verliere. Ich dachte immer, ich sei gefestigt, stark und bedacht. So fuhr ich langsamer. Vielleicht hätte ich einfach rechts ran fahren sollen, denn ich wurde zu einem Risikofaktor im Verkehr. Aber ich wollte einfach nur weg, weit weg von diesem Ort!
Bitte verstehe mich richtig. Ich möchte immer in deiner Nähe sein. Aber ich fühle nur Schmerzen, wenn ich in die Nähe dieses Friedhofs komme. Dich habe ich in meinem Herzen. Du begleitest mich in jeder Sekunde meines Lebens. Eines Tages werde ich vielleicht lächeln können, wenn ich an dich denke. Noch aber übermannt mich immer wieder der Schmerz des ewigen Verlustes. Du wirst für ewig 14 Jahre alte bleiben. Vielleicht kann ich mich daran nie gewöhnen.