Ich sehe dich

„Es ist jetzt genau ein halbes Jahr her.“ „Ja, mein Kind. Ich weiß. Du wirst sehr vermisst.“ Nessaja kniff die Augen zusammen: “ Es ist, als sei es gestern gewesen, als ich noch mit Papa in der Küche stand und Essen gekocht habe. Wir hatten viel Spaß und ich durfte immer mal was naschen. Er freute sich so sehr, dass ich wieder Appetit hatte.“
„Schau einmal. Dir zu Ehren hat er heute dein Lieblingsessen gekocht.“ Oma zeigte auf einen Stein, der wie magisch den Blick in die Küche von Nessajas Vater zeigte.
„Cooool!“ „Du kannst jederzeit sehen, was deine Familie tut. Komm einfach hier her. Das ist dein eigener Familienstein. Du musst nicht sagen, was du sehen willst. Der Stein wird erkennen, wonach dir ist.“
„Ui!“ Nessaja freute sich über diese Möglichkeit.

Das Gesehene auf dem Stein änderte sich: „Oh, Papa. Du weinst. Könntest du mich doch hören. Es würde dir besser gehen.“ Nessaja sah ihren Vater am Computer sitzen. Er saß in seinem Büro und hätte eigentlich arbeiten müssen. Aber er schrieb einen Text über sie. Er konnte nicht anders. Tränen liefen über sein Gesicht.
Nessaja spürte, wie sehr er sie liebt.

„Weißt du noch, als ihr gemeinsam auf dem Campingplatz gewesen seid?“ Oma unterbrach die traurigen Minuten. „Ähm, nein. Ich war noch sehr jung damals.“ „Wollen wir uns gemeinsam anschauen, wie viel Spaß ihr zusammen hattet?“ Nessaja nickte. Sie war ihrer Oma sehr gerade sehr dankbar. So schauten beide sich nun die Erlebnisse an, welche in den vergangenen Sommern für viele schöne Momente gesorgt haben.

Es ist nicht nur ein Ort

Wir waren zu Ostern bei Oma und Opa. Na ja, das weißt du ja. So sehr hast du dich immer darauf gefreut.
Im letzten Jahr ging es dir ja nicht so gut. Aber du wolltest unbedingt mitfahren.
Dieses Jahr bist du nicht mitgekommen.

Dein kleiner Bruder bekam ein Dreirad geschenkt. Eines, das man lenken kann und mit Dach und einem kleinen Kofferraum am Heck. Du hättest deine helle Freude daran gehabt, ihn durch die Stadt zu schieben. Und er? Er hätte sich bestimmt noch mehr gefreut.

Wenn er dich auf Bilden sieht, dann nennt er dich beim Namen. „Aja!“ Noch immer erinnert er sich an dich. Das ist so schön und so traurig zugleich.

Auf dem Rückweg aus der alten Heimat haben wir deine Schwester gleich bei Mama abgesetzt. So musste sie ihren Koffer nicht extra schleppen. Dann ging es weiter zu meinen Schwiegereltern.

Ich dachte, ich fahre raus aus Berlin und durch ein paar Dörfer, damit ich nicht durch den Stadtverkehr muss. Im Grunde eine gute Idee. Als ich zufällig zur Seite sah, schnürte sich mir umgehend die Kehle zu. Ein Gefühl, was ich bisher noch nie hatte, machte sich in mir breit. Ich schnappte nach Luft und mein Blick verwässerte sich. Gerade jetzt fuhr ich an DEM Friedhof vorbei. Niemals hätte ich gedacht, dass ich so schnell und so stark die Kontrolle über meine Emotionen verliere. Ich dachte immer, ich sei gefestigt, stark und bedacht. So fuhr ich langsamer. Vielleicht hätte ich einfach rechts ran fahren sollen, denn ich wurde zu einem Risikofaktor im Verkehr. Aber ich wollte einfach nur weg, weit weg von diesem Ort!
Bitte verstehe mich richtig. Ich möchte immer in deiner Nähe sein. Aber ich fühle nur Schmerzen, wenn ich in die Nähe dieses Friedhofs komme. Dich habe ich in meinem Herzen. Du begleitest mich in jeder Sekunde meines Lebens. Eines Tages werde ich vielleicht lächeln können, wenn ich an dich denke. Noch aber übermannt mich immer wieder der Schmerz des ewigen Verlustes. Du wirst für ewig 14 Jahre alte bleiben. Vielleicht kann ich mich daran nie gewöhnen.